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Tourenbindungen: Warum der Einstellwert allein nicht ausreicht

Leichtes Material ist beim Skitourengehen gefragt. Bei der Auswahl einer Tourenbindung zählen aber auch Auslöseverhalten, Haltefunktion und die Kompatibilität mit dem Schuh. Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, warum fundiertes Fachwissen in Verkauf und Werkstatt eine zentrale Rolle spielt.

Welche Bindung passt zum geplanten Einsatz? Wie zuverlässig entspricht der angezeigte Einstellwert der tatsächlichen Auslösung? Und welchen Einfluss hat der verwendete Tourenskischuh? Für den Sportfachhandel sind diese Fragen entscheidend für eine kompetente Beratung und fachgerechten Service.

Die Untersuchung „Limitations of current alpine touring ski bindings“ von Veit Senner und Lorenz Hüper liefert dazu wichtige Erkenntnisse. Die Wissenschaftler der Technischen Universität München untersuchten 16 Tourenbindungen unterschiedlicher Bauarten aus den Saisonen 2018/19 und 2019/20. Ihre 2021 veröffentlichte Studie zeigt Unterschiede im Auslöse- und Halteverhalten.

Dass die Untersuchung aus dem Jahr 2021 stammt, ändert nichts an ihrer Relevanz: Die Grundfragen zu Auslösung, Haltefunktion und Kompatibilität stellen sich bei jeder Bindung neu.

Skalenwert und tatsächliche Auslösung können abweichen

Ein zentrales Ergebnis: Der an der Bindung angezeigte Einstellwert stimmte nicht bei allen untersuchten Modellen ausreichend mit dem gemessenen Auslösemoment überein. Bei niedriger Einstellung blieben lediglich acht von 15 getesteten Bindungen bei der seitlichen Auslösung innerhalb der untersuchten Toleranz von ±15 Prozent.

Die Autoren empfehlen deshalb, einstellbare Bindungen mit geeigneten Prüfgeräten zu kontrollieren. Für die Werkstatt bedeutet das: Das Ablesen der Skala ersetzt keine Überprüfung der tatsächlichen Auslösewerte. Dabei sind die jeweiligen Herstellerangaben und die Eignung des Prüfverfahrens für das konkrete System zu berücksichtigen.

Rücklage verändert das Auslöseverhalten

Besonders auffällig waren die Ergebnisse bei der Kombination aus seitlicher Verdrehung und zusätzlicher Rücklage. Neun von 16 Bindungen überschritten dabei die im Versuch angewandte Abweichungsgrenze von 25 Prozent. Bei einem Modell lag das seitliche Auslösemoment rund 135 Prozent über dem Referenzwert.

Die Autoren sehen darin eine relevante Einschränkung, zumal Skitouren häufig mit einem Rucksack unternommen werden, der den Körperschwerpunkt nach hinten verlagern kann.

Für die Kundenberatung ist wesentlich: Eine Bindung kann unter kombinierten Belastungen anders reagieren als bei einer einfachen Auslöseprüfung. Auch ein passendes Prüfergebnis bildet deshalb nicht jede Situation während der Abfahrt ab.

Geringes Gewicht bringt technische Zielkonflikte mit sich

Eine Bindung soll den Schuh bei fahrtypischen Belastungen zuverlässig halten und ihn bei entsprechenden Belastungsspitzen freigeben. Dafür spielt die Elastizität eine wichtige Rolle: Sie ermöglicht, dass das System auf einen kurzen Stoß reagiert und den Schuh anschließend wieder in seine Ausgangslage zurückführt.

Im seitlichen Schlagtest zeigten elf der 16 untersuchten Bindungen Defizite. Eine unzureichende Elastizität kann unter bestimmten Bedingungen ungewollte Auslösungen begünstigen.

Die Studie beschreibt damit einen Zielkonflikt, der besonders bei sehr leichten Tourenbindungen auftritt. Das Gewicht sollte in der Beratung immer gemeinsam mit dem Einsatzbereich, der Haltefunktion und den Auslöseeigenschaften betrachtet werden.

Schuh und Bindung bilden ein gemeinsames System

Auch der verwendete Schuh beeinflusst die Auslösung. Bei einem ergänzenden Versuch mit zwei unterschiedlichen Schuhmodellen unterschieden sich die durchschnittlichen seitlichen Auslösemomente derselben Pin-Bindung um rund 30 Newtonmeter.

Die Autoren vermuten außerdem, dass das Zusammenspiel zwischen Pin-Geometrie und Schuh-Inserts zu unterschiedlichen Auslösewerten nach links und rechts beitragen kann.

Für den Fachhandel unterstreicht das die Bedeutung einer präzisen Montage und einer sorgfältigen Kompatibilitätsprüfung. Bewertet werden muss die konkrete Kombination aus Schuh und Bindung. Ein Schuhwechsel ist daher ein Anlass, diese Kombination erneut zu beurteilen.

Was Betriebe daraus mitnehmen können

Aus den Ergebnissen lassen sich vier praktische Schwerpunkte ableiten:

  • Einsatz klären: Aufstiegsorientierte Touren, anspruchsvolle Abfahrten und häufige Pistennutzung stellen unterschiedliche Anforderungen.
  • Kompatibilität prüfen: Schuh, Inserts und Bindung müssen zusammenpassen. Herstellerinformationen gehören zur fachlichen Beurteilung.
  • Messwerte beurteilen: Geeignete Prüfverfahren helfen, Abweichungen zu erkennen. Ihre Aussagekraft und Grenzen müssen bekannt sein.
  • Abläufe dokumentieren: Eine nachvollziehbare Erfassung der verwendeten Ausrüstung, Einstellungen, Prüfergebnisse und Beratung unterstützt einen professionellen Werkstattprozess.

Die Untersuchung bewertet Modelle der Saisonen 2018/19 und 2019/20. Sie erlaubt keine pauschale Aussage über alle heute erhältlichen Tourenbindungen und ermittelt keine konkrete Unfallwahrscheinlichkeit. Ihre grundlegende Botschaft bleibt jedoch für die Ausbildung relevant: Tourensysteme verlangen spezifisches Wissen.

Fachwissen für Verkauf und Werkstatt stärken

Wir arbeiten daran, diese Erkenntnisse in die Ausbildung zu übersetzen. Die VSSÖ Akademie greift die Anforderungen mit der Schulung „Skitouren: Ski – Bindung – Schuh“ auf. Im Mittelpunkt stehen Normen, Materialkunde, Herstellerinformationen, Kompatibilität und Dokumentation. Das Angebot richtet sich an Mitarbeiter:innen aus Verkauf und Werkstatt ebenso wie an Einkauf und Geschäftsleitung.

Die nächsten Kurstermine: 

16. November 2026, 09:00 bis 12:30 Uhr, online

14. Dezember 2026, 09:00 bis 12:30 Uhr, online

Für Unternehmen, die ihr gesamtes Team weiterbilden möchten, bietet die VSSÖ Akademie auch Inhouse-Schulungen für Tourensysteme und Sportmonteur:innen für Skibindungen an. Die Inhalte können auf den Betrieb abgestimmt und mit der eigenen Infrastruktur vermittelt werden.

 

Häufige Fragen

Reicht der Einstellwert auf der Skala für die Prüfung aus? Nein. Laut Studie ersetzt das Ablesen der Skala keine Überprüfung der tatsächlichen Auslösewerte. Einstellbare Bindungen sollten mit geeigneten Prüfgeräten kontrolliert werden.

Welche Tourenbindung passt zu meinem Einsatz? Das hängt vom Einsatz ab. Aufstiegsorientierte Touren, anspruchsvolle Abfahrten und häufige Pistennutzung stellen unterschiedliche Anforderungen. Die Auswahl sollte Haltefunktion, Auslöseverhalten und Gewicht gemeinsam berücksichtigen.

Welchen Einfluss hat der Schuh auf die Auslösung? Bei einem ergänzenden Versuch mit zwei Schuhmodellen unterschieden sich die durchschnittlichen seitlichen Auslösemomente derselben Pin-Bindung um rund 30 Newtonmeter.

Lassen sich die Ergebnisse auf heutige Modelle übertragen? Die Studie bewertet Modelle der Saisonen 2018/19 und 2019/20 und erlaubt keine pauschale Aussage über alle heute erhältlichen Tourenbindungen. Die grundlegenden Fragen zu Auslösung, Haltefunktion und Kompatibilität bleiben jedoch relevant.

Wo bildet die VSSÖ Akademie zu Tourensystemen aus? Mit der Schulung „Skitouren: Ski – Bindung – Schuh“ und mit Inhouse-Schulungen für Tourensysteme. Details finden Sie unter Kurse der VSSÖ Akademie.

 

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